Freitagmorgen hatte ich einen einen kleinen Glücksmoment, den ich auch körperlich gespürt habe. Ich stand mit einem Tee auf der Terrasse, die Sonne schien mich an und die Wärme an diesem ersten wärmeren Tag nach langen Wochen kalter Luft war deutlich im Gesicht merkbar. Die Vögel zwitscherten bereits im Konzert. Eigentlich hätte ich in der Schule sein müssen, aber ich war noch krankgeschrieben und kurierte mich aus. Meinem Körper ging es endlich besser, nachdem ich fast zwei Wochen das komplette Programm hatte – Fieber, Husten, Halsweh, Kopfweh & Co. wechselten sich ab und kamen wieder, als ich dachte, sie wären weg.
Es sind zwar noch keine Blätter an den Bäumen, aber heute war der erste Tag, der ein zartes Frühlingserwachen ankündigte. Ich für meinen Teil kann ihn kaum erwarten. Ich bin zwar durchaus motiviert ins neue Jahr gestartet, habe mir auch einiges vorgenommen, aber Mitte Januar und jetzt nochmal im Februar haben mich zwei Krankheitsphasen erstmal auf den Boden der Tatsache geholt und mir die Energie geraubt, die ich eigentlich für dieses und jene aufbringen wollte. Dazu sind Januar und Februar auch nicht die ereignisreichsten und schönsten Monate – Weihnachten und Silvester sind vorbei, es ist meist kalt, trist und unwirtlich. Entsprechend wenig Leben findet auf der Straße statt und auch Events und Feste sind rarer gesät als im Sommer.
Diese beschwerliche Winterzeit macht die Vorfreude auf den Frühling aber umso größer. Der Frühling liegt mir nicht nur wegen der Nähe zu meinem Nachnamen und meines Geburtstags nah, sondern auch die Metaphorik dahinter gefällt mir sehr: Frühling steht für Erwachen, Wachstum, Aufblühen und Aufbruch. Es wäre jetzt ein Leichtes für jemand, der wie ich geschaffen und gestrickt ist, von Frühling in unseren Herzen zu sprechen und dass wir doch alle mehr Frühling in unsere Leben lassen sollten, aus dem Winterschlaf erwachen und nun pflanzen statt zerstören sollten, gerade in diesen düsteren Zeiten. Und sicherlich gibt es auch eine Berechtigung und vielleicht sogar Notwendigkeit für so eine Art von blumiger Ermunterung, damit wir proaktiv die Zukunft angehen und am Sonntag richtig wählen gehen und die Welt durch unseren Einsatz, unsere Nächstenliebe und unsere Zuversicht ein wenig wärmer, blühender und frühlingshafter machen.
Nun, ein Problem vom Frühling im Herzen ist, dass der Frühling in der Natur so viel realer und spürbarer ist. Mein Leben wurde an diesem Frühlingsmorgen nicht revolutionär umgewälzt, aber trotzdem musste ich lächeln, obwohl mir keiner zusah. Die Sonne und Wärme gepaart mit meiner zurückgewonnen Gesundheit gaben mir einen Boost und eine Freude, den mir kein Mindset-Change in Kälte und Krankheit in dieser Form hätte geben können. Das Wetter und die Jahreszeiten sind nicht nur ein banales Smalltalk-Thema, sondern ein prägender Kontext für unsere Erfahrungen. Die Umstände sind wichtig. Lebenszufriedenheit ist nicht nur eine Mindset-Frage. Auch wenn wir Christen gerne betonen, dass unsere Freude nicht von Umständen abhänge und dass ja auch Paulus und Silas sogar im Gefängnis gesungen haben, dann sind wir glaube ich oft nicht ehrlich zu uns. Natürlich spielen die Umstände – ob du Arbeit hast oder nicht, ob du das lang ersehnte Kind bekommst oder nicht, ob du chronische Schmerzen hast oder nicht, ob du in einem komfortablen warmen deutschen Haus oder auf der Straße in Indien aufgewachsen bist usw. – eine massive Rolle dabei, wie sicher, fröhlich und zuversichtlich man sich fühlt.
Und wenn ich eines die letzten Wochen und Monate gemerkt habe ist, dass sich viele Menschen durch die aktuellen Entwicklungen und politischen Bedingungen verunsichert fühlen. Trump und sein Gefolge haben nicht nur viel Staub aufgewirbelt, sondern auch tatsächlich viel verändert und aufgebrochen; die geopolitische Weltlage, die Wirtschaftsaussichten und die Diskursregeln scheinen sich gerade noch weiter zu verschieben. Die anstehende Bundestagswahl morgen lässt viele meiner Mitmenschen schon im Vorfeld ratlos und mutlos zurück. Wer sich die Tortur der insgesamt 9 TV-Duelle und Quadrelle gegeben hat, wird am Ende wahrscheinlich keine allzu klare Vorstellung eines guten und realisierbaren Zukunftsplans haben. Die Zuversicht, die (nicht nur) Habeck auf seinen Plakaten vermitteln will, sehe ich bei vielen Podcastern, Freunden und Mitbürgern nicht so recht.

In Zeiten wie diesen kann vielleicht ein Gang durch den botanischen Garten in Minden helfen. Der ist bei uns um die Ecke und ist unseres und auch mein persönlich liebstes Ziel, wenn man mal schnell nach draußen gehen und was Schönes sehen will. So ein Gang ist einerseits vorteilhaft, weil man an die frische Luft und an potentielle Begegnungen und dadurch nicht selten auf andere Gedanken kommt. Er zeigt mir aber auch zwei Dinge, die mir wichtig sind – Bäume und Gräber:
Da stehen zum Einen Bäume, die sogar im Winter grün sind. Tief verwurzelte Bäume, die von ihrer Beschaffensart so sind, dass sie ihre Blätter nicht verlieren. Immergrüne Bäume wie Fichten oder Tannen gewinnen im goldenen Herbst zwar keinen Schönheitscontest, aber dafür zeigen sie sich unbeeindruckt von den Umständen der Natur; trotz Kälte und Frost stehen sie einfach da. Das scheint mir eine hilfreiche Darstellung für das Leben in schwierigen Umständen zu sein. Auch wenn wir Menschen wie oben beschrieben durchaus saison- und umständeabhängig sind, brauchen wir eine gute Verwurzelung und eine gewisse Trotzhaltung, einfach erstmal „da“ zu sein und dennoch wachsen zu wollen und sich formen zu lassen. Die Schriftstellerin Lore Wilbert, die ich schon gelegentlich zitiert habe, beschreibt dazu passend in einem Buch über Bäume (ins Deutsche übersetzt):
Es gibt eine lateinische Redewendung aus dem sechzehnten Jahrhundert: „Ecce adsum“, was „Siehe, hier bin ich“ bedeutet. Sie wird von Heiligen und Mystikern, Mönchen und von Gott verwendet.
In der Bibel spricht der Prophet Samuel diese Worte zu Gott, nachdem er immer wieder aus tiefem Schlaf geweckt wird – er, der von seiner Mutter Hanna Gott geweiht und dem Priester Eli übergeben wurde. Maria, die Mutter Jesu, sagt sie zu dem Engel, der ihr die lebensverändernde Nachricht überbringt, dass sie die Mutter des Erlösers sein wird. Gott spricht sie zu Mose, als dieser staunend und sprachlos vor dem brennenden Dornbusch steht. „Hier bin ich.“ „Ich bin, der ich bin.“ „Ich bin hier.“
Die Redewendung bedeutet im Grunde: „Ich erkenne meinen Platz und das, was von mir aus oder mit mir getan werden soll.“ Benediktinermönche verwenden sie mit der Bedeutung: „Ich bin verwurzelt, und doch bin ich Ton – formbar und beweglich.“ […]
Ich habe all die schmerzhaften Umstände, die oben beschrieben wurden, durchlebt, aber ich habe gelernt, kein Opfer von ihnen zu sein – und dennoch zuzulassen, dass sie mich formen. Ecce adsum. Ich bin hier.
– Wilbert, Lore Ferguson. The Understory: An Invitation to Rootedness and Resilience from the Forest Floor, S. 12+22 .
Neben den Bäumen stehen dort einige Gräber, denn der botanische Garten in Minden ist aus einem alten Friedhof hervorgegangen. Manchmal spaziere ich an den Gräbern vorbei und sehe dort Namen stehen von Menschen, die schon seit 50 oder 100 Jahren tot sind. Einige Bäume haben sie überlebt. Die Menschen sind nicht mehr da. Der mächtige Trump und der reiche Musk werden auch einmal in einem solchen Grab liegen, vielleicht etwas pompöser, aber dennoch tot, vergangen, nicht mehr da. Bis dahin können sie viel Schaden anrichten, ja leider, vielleicht auch Frieden in die Ukraine bringen und den ersten Mensch zum Mars schicken; aber sie werden trotzdem vergehen; wie andere große Männer, die glaubten, sie und ihr Reich währten ewig und die manchmal ihre Wurzeln leugneten und glaubten, der ihnen beschickte Boden ist nicht genug. Das ganze Bravado, was Politiker & Stars umgibt, verhüllt manchmal die Tatsache, dass wir alle endlich & begrenzt sind und nur dieses eine Leben haben. Auch ich. Es ist leicht, über die Sterblichkeit der Großen zu sinnieren und die eigene auszublenden. Ich werde auch einmal in einem Grab liegen und Leute werden meinen Schriftzug lesen. 1990 – 20xx. Entscheidend ist, was in dem Bindestrich passiert, der mir geschenkt und anvertraut ist. Die Politik und alles andere, was über und neben mir passiert, sind Teil der Umstände, die meinen Bindestrich beeinflussen; aber letztlich nicht das, auf das es primär ankommt.
Ich werde am Sonntag meine beiden Kreuze machen und empfehle dir, es ebenso zu tun, um zu sagen, dass du da bist und dass du gehört werden willst, darfst und sollst und dass die Erde und die Nachbarbäume um dich herum gut gepflegt werden; aber ich versuche mir zu vergegenwärtigen, dass es am Ende nicht nur auf die beiden Kreuze ankommt, sondern auf den ganzen Bindestrich, den Gott mir anvertraut hat und den ich hier, da wo ich bin, leben, ausfüllen und gestalten möchte, in der Kraft des Mannes, der kein Kreuz gemacht, aber es ge- und ertragen hat.
Ecce adsum. Siehe, hier bin ich.
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